Energieeffizienz: Unabhängigkeit von Russland ist schneller möglich
Verantwortlicher Redakteur:in:
Michael Hobohm
5 min Lesedauer
Der Ukrainekrieg hat der Industrie und Wirtschaft, aber auch Privathaushalten die energetische Abhängigkeit von Russland aufgezeigt. Dabei werden die Potenziale von Energieeinsparungen oft übersehen.
Der Ukrainekrieg hat allen Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft, NGOs und jedem Menschen in erschreckender Deutlichkeit unsere wirtschaftlich-industrielle, insbesondere energetische Vernetzung und damit Abhängigkeit vor Augen geführt. Doch wir haben einen wirksamen Hebel, der schon bei der Umsetzung der Klimaschutzmaßnahmen ein stiefmütterliches Dasein führte: Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz. Sie vermindern nicht nur den Geldtransfer in problematische Volkswirtschaften. Darin steckt auch die Chance, Wertschöpfung in Deutschland zu schaffen.
Der Krieg führt aus politischen, wirtschaftlichen und moralischen Gründen dazu, das Verhältnis zu Russland und insbesondere die genannten Abhängigkeiten zu überdenken und neu zu justieren. Jede nicht verbrannte Kilowattstunde russischen Gases und jedes Kilo eingesparter Kohle reduziert die wirtschaftliche und damit militärische Handlungsfähigkeit Russlands. Nun hat Deutschland mit Katar, dem Weltmarktführer für Flüssiggas, in atemberaubenden Tempo eine „Energiepartnerschaft“ geschlossen. Wann wieviel Flüssiggas geliefert wird, wurde zunächst nicht bekannt. Das kleine Land am Persischen Golf ist in langfristige Lieferverträge vor allem mit Asien gebunden.
40 Prozent der Energie ließen sich einsparen
Doch können wir uns auch so aus der Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen aus Russland und anderen Ländern herausarbeiten, denn die Potenziale, die in den Maßnahmen zur Energieeffizienz stecken, sind enorm. Und gerade im verarbeitenden Gewerbe, das gut 40 Prozent der Primärenergie Deutschlands verbraucht – und entsprechend hohe CO2-Emissionen verursacht –, haben wir für unsere Industrie bereits zahlreiche Lösungen anzubieten, die Menschen müssen sie nur wollen. Sie müssen durch entsprechende Förderungen schnell in die Breite getragen werden – auch wenn die explodierenden Energiepreise einen Anreiz schaffen dürften.
Mit der ETA-Fabrik in Darmstadt haben wir gezeigt: 40 Prozent Energieeinsparung durch Nutzung von Abwärme aus der eigenen Produktion sind kein Wunschtraum, sondern Realität. Von den Ergebnissen der Demofabrik überzeugt hat beispielsweise der Maschinenbauer Trumpf das Konzept umgesetzt und verbraucht nun in seinem neuen Gebäude in Ditzingen bei Stuttgart 70 Prozent weniger Gas im Vergleich zu einem Neubau mit konventioneller Gebäudeausrüstung und Versorgungstechnik. Ein ebenfalls dringlich wünschenswerter Effekt: Die CO2-Emissionen der Infrastruktur werden um 60 Prozent reduziert. Auch in bereits bestehenden Strukturen senken die Maßnahmen den Energiebedarf signifikant. Das Ganze hochgerechnet auf die deutsche Industrie lässt die Einsparpotenziale erahnen.
Gekoppelte Energiesysteme in der Stadt
Das Konzept der ETA-Fabrik lässt sich viel größer denken, indem man das Energienetz der Fabrik mit dem städtischen Energiesystem verbindet. Das Pharmaunternehmen Merck in Darmstadt plant die künftige Versorgung eines Wohnquartiers, das auf Fernwärme ausgelegt ist, mit seiner Abwärme. Ein anderes Projekt: An die unausgelasteten Stromnetze der Straßenbahnen sollen Ladestationen für E-Autos angebunden werden. Dies sind Teilprojekte von „Delta“, einem Vorhaben, das Energienetze in Darmstadt miteinander verknüpfen und die Stadt zu einem „Reallabor der Energiewende“ machen soll. Die maximaleffiziente Nutzung sämtlicher Energieflüsse in der Stadt und vergleichbare Initiativen könnten uns relativ kurzfristig einen wichtigen Schritt Richtung Unabhängigkeit voranbringen.
Gerade die energieintensive Industrie bietet Möglichkeiten
Und es gibt noch mehr positive Entwicklungen, die uns in diesen extrem schwierigen Zeiten zugutekommen. So ist bei den erneuerbaren Energien seit einigen Monaten der Break-Even-Point erreicht: Ihre Nutzung zur Energieversorgung ist nun günstiger als die fossiler Energieträger. Die Kosten für die Herstellung einer Kilowattstunde sind bei der Nutzung von Photovoltaik-Anlagen niedriger als bei der Verbrennung von Erdgas. Und die Marge wird sich durch die enorm steigenden Preise fossiler Energien noch weiten. Das heißt: Politik, Unternehmen und Hausbesitzer sind gefordert, dass Solaranlagen so schnell wie möglich auf jedes geeignete Dach kommen. Das ist natürlich keine neue Forderung - aber an der Umsetzung lässt sich noch viel verbessern.
Aber nicht nur im Eigenheim schlummern ungenutzte Potenziale. Ausgerechnet in der energieintensiven Industrie aus Branchen wie Stahl, Aluminium, Papier, Chemie oder auch Nahrungsmittel könnte die Produktion auf das volatile Angebot der Sonnen- und Windenergie reagieren und damit einen ganz erheblichen Beitrag zur Stabilität unseres Stromnetzes leisten. Im vergangenen Jahr haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Kopernikus-Projekts „Synergie“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung das Energieflexibilitätspotenzial der Industrie berechnet. Sie konnten zeigen, dass der Strombedarf der Industrie kurzfristig gesenkt werden und damit die Leistung von bis zu 1.430 Onshore-Windrädern eingespart werden kann. Von den eingesparten CO2-Emissionen ganz zu schweigen.
Stand: 16.12.2025
Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, dass wir verantwortungsvoll mit Ihren personenbezogenen Daten umgehen. Sofern wir personenbezogene Daten von Ihnen erheben, verarbeiten wir diese unter Beachtung der geltenden Datenschutzvorschriften. Detaillierte Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Einwilligung in die Verwendung von Daten zu Werbezwecken
Ich bin damit einverstanden, dass die WIN-Verlag GmbH & Co. KG, Chiemgaustraße 148, 81549 München einschließlich aller mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen (im weiteren: Vogel Communications Group) meine E-Mail-Adresse für die Zusendung von redaktionellen Newslettern nutzt. Auflistungen der jeweils zugehörigen Unternehmen können hier abgerufen werden.
Der Newsletterinhalt erstreckt sich dabei auf Produkte und Dienstleistungen aller zuvor genannten Unternehmen, darunter beispielsweise Fachzeitschriften und Fachbücher, Veranstaltungen und Messen sowie veranstaltungsbezogene Produkte und Dienstleistungen, Print- und Digital-Mediaangebote und Services wie weitere (redaktionelle) Newsletter, Gewinnspiele, Lead-Kampagnen, Marktforschung im Online- und Offline-Bereich, fachspezifische Webportale und E-Learning-Angebote. Wenn auch meine persönliche Telefonnummer erhoben wurde, darf diese für die Unterbreitung von Angeboten der vorgenannten Produkte und Dienstleistungen der vorgenannten Unternehmen und Marktforschung genutzt werden.
Meine Einwilligung umfasst zudem die Verarbeitung meiner E-Mail-Adresse und Telefonnummer für den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern wie z.B. LinkedIN, Google und Meta. Hierfür darf die Vogel Communications Group die genannten Daten gehasht an Werbepartner übermitteln, die diese Daten dann nutzen, um feststellen zu können, ob ich ebenfalls Mitglied auf den besagten Werbepartnerportalen bin. Die Vogel Communications Group nutzt diese Funktion zu Zwecken des Retargeting (Upselling, Crossselling und Kundenbindung), der Generierung von sog. Lookalike Audiences zur Neukundengewinnung und als Ausschlussgrundlage für laufende Werbekampagnen. Weitere Informationen kann ich dem Abschnitt „Datenabgleich zu Marketingzwecken“ in der Datenschutzerklärung entnehmen.
Falls ich im Internet auf Portalen der Vogel Communications Group einschließlich deren mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen geschützte Inhalte abrufe, muss ich mich mit weiteren Daten für den Zugang zu diesen Inhalten registrieren. Im Gegenzug für diesen gebührenlosen Zugang zu redaktionellen Inhalten dürfen meine Daten im Sinne dieser Einwilligung für die hier genannten Zwecke verwendet werden.
Recht auf Widerruf
Mir ist bewusst, dass ich diese Einwilligung jederzeit für die Zukunft widerrufen kann. Durch meinen Widerruf wird die Rechtmäßigkeit der aufgrund meiner Einwilligung bis zum Widerruf erfolgten Verarbeitung nicht berührt. Um meinen Widerruf zu erklären, kann ich als eine Möglichkeit das unter https://kontakt.vogel.de/de/win abrufbare Kontaktformular nutzen. Sofern ich einzelne von mir abonnierte Newsletter nicht mehr erhalten möchte, kann ich darüber hinaus auch den am Ende eines Newsletters eingebundenen Abmeldelink anklicken. Weitere Informationen zu meinem Widerrufsrecht und dessen Ausübung sowie zu den Folgen meines Widerrufs finde ich in der Datenschutzerklärung, Abschnitt Redaktionelle Newsletter.
Dieses Potenzial haben die Forschenden von „Synergie“ nun für noch mehr Industrieprozesse berechnet und werden in den kommenden Wochen die neuen Zahlen veröffentlichen. Die Tendenz, soviel kann schon heute verraten werden, zeigt stark nach oben. Dabei sollte mitgedacht werden, dass wir mit solchen Technologien einen echten Exportschlager entwickeln können.
Energieeffizienz: Politik muss Regularien sofort anpassen
Damit Unternehmen flexibel auf Stromüberschuss oder -knappheit reagieren können, müssen sie zum Teil die IT-Steuerung ihrer Prozesse anpassen. Eine Umstellung ist oftmals in wenigen Wochen machbar. Andere Firmen müssen ihre Maschinen und Anlagen umrüsten. Ddas dauert dann Monate, manchmal wenige Jahre – ermöglicht aber langfristig eine hohe Energieflexibilität.
All diese Potenziale lassen sich jedoch nur unter einer Voraussetzung heben: Die Politik muss sofort die bisherigen Regularien ändern. Die Stromnetzentgeltverordnung in ihrer jetzigen Form bestraft Unternehmen, die ihren Strombedarf flexibel ausrichten, und belohnt diejenigen, die ihn über das Jahr konstant halten. Die Industrie – so sind die Erfahrungen von uns Forschenden – würde sich gerne auf volatile Erneuerbare einstellen, und nun gerade auch diejenigen, die von Erdgas abhängig sind. Solange die Gesetze aber bleiben, wie sie sind, lohnt eine Flexibilisierung wirtschaftlich für die meisten Firmen nicht. Es wäre ein Leichtes, das zu ändern.
Unabhängigkeit ist also kein Hexenwerk. Im Gegenteil, es ist eine große wirtschaftliche Chance. Lasst uns sämtliche zur Verfügung stehenden Mittel synergetisch, effektiv und schnell einsetzen. Jetzt ist der Moment, wo wir den Mut aufbringen müssen, neue Wege zu gehen. Einfach mal machen und dann schauen – das ist eine nicht sehr deutsche Herangehensweise an Herausforderungen. Aber wann, wenn nicht jetzt, ist der Moment, es zu wagen?