Direktbelieferung und Eigenstromkonzepte Lokale Windenergie als Geschäftsmodell der Zukunft

Von Heiko Bölli, Sales Manager Energy & Infrastructure bei Copa-Data 3 min Lesedauer

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Die Energiewende verändert nicht nur die Erzeugungslandschaft, sondern auch die Rolle klassischer Energieversorger. Stadtwerke, regionale Versorger und Netzbetreiber stehen zunehmend vor der Aufgabe, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, die Wirtschaftlichkeit, Versorgungssicherheit und Klimaschutz verbinden. Lokale Windenergie – insbesondere in Form von Direktbelieferungs- und Eigenstrommodellen – rückt dabei verstärkt in den Fokus. Doch wie ist der aktuelle Stand in Deutschland? Und welche Chancen ergeben sich speziell für Versorger?

Stadtwerke, regionale Versorger und Netzbetreiber stehen zunehmend vor der Aufgabe, neue Geschäftsmodelle für die Stromvermarktung zu entwickeln, welche Wirtschaftlichkeit, Versorgungssicherheit und Klimaschutz verbinden. (Bild:  Copa Data)
Stadtwerke, regionale Versorger und Netzbetreiber stehen zunehmend vor der Aufgabe, neue Geschäftsmodelle für die Stromvermarktung zu entwickeln, welche Wirtschaftlichkeit, Versorgungssicherheit und Klimaschutz verbinden.
(Bild: Copa Data)

Die physische Direktbelieferung von Unternehmen mit lokal erzeugtem Windstrom (On-Site-PPA) ist im Erneuerbare-Energien-Gesetz verankert. Dabei wird Strom über eine Direktleitung außerhalb des öffentlichen Netzes vom Windpark zum Abnehmer geliefert. Für Versorger eröffnen sich hier neue Rollen: als Projektentwickler und Betreiber lokaler Windparks, als Vertragspartner und Stromlieferant im Rahmen von On-Site-PPA-Modellen sowie als Dienstleister für Planung, Betrieb, Abrechnung und Monitoring. Der große Vorteil dieser Modelle liegt in der Umgehung von Netzentgelten sowie bestimmten Abgaben und Umlagen, was sie für energieintensive Unternehmen wirtschaftlich attraktiv macht. Gleichzeitig ermöglichen sie Versorgern, Kunden langfristig zu binden und regionale Wertschöpfung zu stärken.

Dass das Interesse wächst, bestätigt auch der Bundesverband Windenergie. In der Praxis bremsen komplexe Genehmigungs- und Regulierungsanforderungen entsprechende Projekte. Doch das 2024 realisierte Beispiel zur Direktbelieferung von Thyssenkrupp Hohenlimburg zeigt: Solche Modelle sind durchaus umsetzbar und können als Blaupause für weitere Vorhaben dienen. Die politische Zielsetzung der Bundesregierung, physische Direktversorgungsmodelle auszuweiten, deutet darauf hin, dass Versorger sich frühzeitig strategisch positionieren sollten.

Neue Perspektiven für Stadtwerke und regionale Versorger

Auch die Eigenstromversorgung von Unternehmen durch eigene Windenergieanlagen gewinnt an Bedeutung. Zwar sind Planung, Bau und Betrieb von Windkraftanlagen komplexer als bei der Photovoltaik, doch steigende Strompreise und der Wegfall der EEG-Umlage haben die Wirtschaftlichkeit deutlich verbessert. Für Versorger ergeben sich hier insbesondere zwei Ansatzpunkte: Betrieb von Windanlagen im Kundenauftrag sowie kooperative Modelle, bei denen Versorger, Kommunen und Unternehmen gemeinsam investieren.

Die Wirtschaftlichkeit hängt maßgeblich von Standort, Anlagengröße sowie Investitions- und Betriebskosten ab. Besonders attraktiv ist eine hohe Eigenstromnutzung. Überschüssiger Strom kann entweder über die EEG-Förderung eingespeist oder bei größeren Anlagen über Direktvermarkter vermarktet werden. Bis 100 kW installierter Leistung ist eine einfache Netzeinspeisung möglich, darüber hinaus sind Direktvermarktungslösungen erforderlich – ein weiteres Feld, in dem Versorger ihre Kompetenz einbringen können.

Flexible Nutzungskonzepte

Wenn Windstrom nicht vollständig im eigenen Betrieb genutzt wird, entstehen für Versorger zusätzliche wirtschaftliche Gestaltungsspielräume. Batteriespeicher ermöglichen es, Erzeugung und Verbrauch zeitlich zu entkoppeln, Lastspitzen zu glätten und Strom gezielt zu Zeiten hoher Marktpreise einzuspeisen. Darüber hinaus kann überschüssige Energie über Direktleitungen an benachbarte Unternehmen weitergegeben werden, etwa innerhalb von Gewerbe- oder Industriegebieten. In Kombination mit weiteren Sektoren wie Wärmeversorgung oder E-Mobilität lassen sich integrierte, sektorübergreifende Energiekonzepte realisieren. Solche Ansätze stärken lokale Energiekreisläufe, erhöhen die regionale Wertschöpfung und positionieren Versorger als zentrale Gestalter regionaler Energieökosysteme.

Digitalisierung als Schlüssel zum effizienten Betrieb

Windenergieanlagen sind auf eine Betriebsdauer von 20 bis 25 Jahren ausgelegt. Damit sie über diesen gesamten Zeitraum wirtschaftlich und zuverlässig arbeiten, sind eine kontinuierliche Überwachung, präzise Steuerung und vorausschauende Wartung unerlässlich. Der Digitalisierung kommt dabei eine zentrale Bedeutung zu. Moderne Automatisierungs- und Leitsysteme ermöglichen ein durchgängiges Monitoring der Anlagenzustände, unterstützen die frühzeitige Erkennung technischer Abweichungen und schaffen die Voraussetzung für flexible Erweiterungen – etwa durch die Integration von Batteriespeichern oder neuen Vermarktungsmodellen. 

Softwareplattformen für die Automatisierung und Prozesssteuerung versetzen Versorger in die Lage, Windenergieanlagen über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg effizient zu betreiben und kontinuierlich an regulatorische sowie wirtschaftliche Anforderungen anzupassen.(Bild:  Copa Data)
Softwareplattformen für die Automatisierung und Prozesssteuerung versetzen Versorger in die Lage, Windenergieanlagen über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg effizient zu betreiben und kontinuierlich an regulatorische sowie wirtschaftliche Anforderungen anzupassen.
(Bild: Copa Data)

Offene und erweiterbare Softwareplattformen für die Automatisierung und Prozesssteuerung wie "zenon" von Copa-Data versetzen Versorger in die Lage, Windenergieanlagen über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg effizient zu betreiben und kontinuierlich an regulatorische sowie wirtschaftliche Anforderungen anzupassen. Von der Stromerzeugung über die Verteilung bis hin zur Anbindung externer Marktpartner lassen sich damit unterschiedliche Use Cases konsistent abbilden.

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Lokale Windenergie als strategisches Handlungsfeld

Direktbelieferung und Eigenstromkonzepte auf Basis lokaler Windenergie sind längst keine Nischenanwendungen mehr. Für Stadtwerke und Energieversorger bieten sie die Chance, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, Kundenbeziehungen zu vertiefen und aktiv zur regionalen Energiewende beizutragen. Was Versorger jetzt tun sollten:

1. Direktbelieferung strategisch bewerten:
On-Site-PPA-Modelle mit lokalem Windstrom als zukünftiges Geschäftsfeld prüfen – insbesondere für Industrie- und Gewerbekunden mit hohem Strombedarf.
2. Neue Rollen aktiv besetzen:
Vom klassischen Lieferanten zum Projektentwickler, Betreiber und Energiedienstleister werden – mit Fokus auf langfristige Kundenbindung.
3. Regionale Potenziale identifizieren:
Geeignete Standorte, kommunale Flächen und industrielle Ankerkunden frühzeitig analysieren und zusammenbringen.
4. Überschussstrom wirtschaftlich denken:
Direktvermarktung, Speicher und Quartierslösungen als integrierte Erlösbausteine mitplanen, nicht als nachgelagerte Option.
5. Digitalisierungsarchitektur überprüfen:
Sicherstellen, dass Steuerungs- und Leitsysteme flexibel, technologieoffen und lebenszyklusfähig sind.
6. Regulatorische Entwicklungen vorbereiten:
Interne Prozesse und Know-how so aufstellen, dass neue Vereinfachungen bei Direktversorgung schnell genutzt werden können.